Bonjour, Monsieur le Président!

Uns ist zu Ohren gekommen, dass Sie zu unseren Lesern zählen und sich den Tagesanbruch jeden Morgen übersetzen lassen. Das trifft sich gut, dann können wir Ihnen nämlich auf diesem Weg unsere nachträglichen Glückwünsche zu Ihrer Wiederwahl übermitteln. Ehrlich gesagt, haben wir nach Ihrem Sieg vor knapp zwei Wochen einen Erleichterungsseufzer ausgestoßen. Nicht auszudenken, wenn diese Rechtsextremistin in den Élysée eingezogen wäre! Dann wäre unser schönes Europa, dem wir Deutschen unseren Wohlstand verdanken, echt im Eimer gewesen.

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Sie haben die Wahl glücklicherweise gerade noch gewuppt. Sie haben das Schlimmste verhindert, obwohl Sie mit Ihrer Politik viele Ihrer Landsleute vergrault haben. Im Vergleich zu Frau Le Pen seien Sie das kleinere Übel, haben die Zeitungen geschrieben. Na ja, besser ein vergiftetes Lob als gar kein Lob. Sie werden nun bestimmt in sich gehen und ihr Programm, ihre Kommunikation und die Kosten für Ihr Make-up überdenken, schließlich haben Sie es vermutlich bald mit einer linken Mehrheit im Parlament zu tun. Das wird ja in Kürze auch noch gewählt.

Aber machen Sie bitte nicht den Fehler, künftig im Schlabberpulli herumzulaufen oder Ihre Eleganz, Ihren Charme, Ihre Großspurigkeit durch dröge Mittelmäßigkeit zu ersetzen. Das überlassen Sie mal lieber uns auf dieser Seite des Rheins. Das können wir nämlich gut, mittelmäßig aussehen und mittelmäßig regieren. Angesichts all der Krisen in unserem schönen Europa (Sie wissen schon: Krieg, Corona, Klima) braucht es wenigstens einen Chef, der was hermacht und nicht wie ein Duckmäuser daherkommt. So ein Putin respektiert ja nur zur Schau gestellte Stärke. Also einen wie Sie, Monsieur le Président. Sie telefonieren doch regelmäßig mit dem Typen im Kreml. Wir haben den Eindruck: Sie sind der einzige Chef in Westeuropa, den der Wladimir nicht für ein Weichei hält.

Also bleiben Sie bitte selbstbewusst und pflegen Sie weiterhin Ihren Glanz. Bringen Sie uns gern ein wenig davon mit, wenn Sie am Montag nach Berlin kommen. Formal ist es ja der Antrittsbesuch zum Beginn Ihrer zweiten Amtszeit. Aber natürlich ist es auch eine gute Gelegenheit, unseren Chefs mal zu erklären, wie man Weltpolitik macht, ohne dabei in Fettnäpfchen zu treten. Das können unsere Chefs nämlich ziemlich gut (also das mit den Fettnäpfchen). Sie werden die Debatte über beleidigte Leberwürste, die sich unser Kanzler und unser Bundespräsident mit dem ukrainischen Botschafter geliefert haben, vermutlich nur am Rande mitbekommen haben, darum möchten wir Ihnen versichern: Auch wir haben uns dafür geschämt. Aber nun hat unser Oberchef die Sache aus dem Weg geräumt, heureusement! Nach wochenlangem Hin und Her ist es dem Schlossherrn in Bellevue tatsächlich gelungen, einfach mal mit dem Chef in Kiew zu telefonieren und sich mit diesem zu vertragen.

Stark, oder? Auch wir Deutschen sind jetzt wieder dicke Freunde der Ukrainer, das wurde echt Zeit. Schließlich brauchen die jede Unterstützung gegen den Bombenleger im Kreml. Wir ahnen natürlich: Sie hätten diesen unwürdigen Zank mit einem unbotmäßigen Botschafter nie so weit eskalieren lassen, Monsieur le Président. Im Chefsein sind Sie eben Profi. Da können unsere mittelmäßigen Chefs noch viel von Ihnen lernen.

Europa muss selbstbewusster werden, haben Sie mal gesagt. “Macron: Europa muss Heft des Handelns selbst in die Hand nehmen”, haben die Medien damals getitelt. Im Mai zwanzigachtzehn war das, da haben Sie den Karlspreis im schönen Aachen bekommen. Da wussten wir noch nix von Corona und nix vom Krieg, aber Sie wussten schon Bescheid, dass wir unsere freie, stabile und sichere EU nur dann erhalten können, wenn wir sie entschlossener verteidigen. Auch gegen die Putins dieser Welt. Natürlich hatten Sie schon damals recht.

Wenn Sie gestatten, Monsieur le Président, dann würden wir darüber gern mal mit Ihnen reden. Also so richtig von Angesicht zu Angesicht, nicht nur wie hier mit einem Morgenbrief in einem viel gelesenen Newsletter. Wir kommen gern mal in Ihrem schicken Palast vorbei, meine Kollegen und ich, und ich versichere Ihnen: Das Interview würde auch von den deutschen Chefs beachtet. Die lesen den Tagesanbruch nämlich auch. Wäre doch schön, wenn wir auf diesem Weg dabei helfen könnten, unser schönes Europa etwas krisenfester zu machen.

In diesem Sinne Au revoir und toi, toi, toi für die Parlamentswahl im Juni, Monsieur le Président. Ach so, und natürlich auch allen anderen Leserinnen und Lesern dieser Zeilen ein optimistisches Glückauf! Sie werden es mir sicher nachsehen, dass ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte, diese Zeilen einem großen Staatsmann zu widmen. Leute seines Formats braucht es nämlich mehr.

Einmal Klartext

Peter Tschentscher regiert als Scholz-Nachfolger das stolze Hamburg.
Peter Tschentscher regiert als Scholz-Nachfolger das stolze Hamburg. (Quelle: /imago-images-bilder)

Das scheine nicht nur ich so zu sehen. “Er spricht!”, kommentierte die “Süddeutsche Zeitung” süffisant, nachdem Olaf Scholz am 1. Mai in Düsseldorf eine ungewohnt emotionale Rede gehalten hatte. Er möge das doch auch mal in Kiew tun, fügte das Blatt hinzu. Bis dahin wird es aber wohl noch ein paar Tage dauern. Erst einmal braucht er ja etwas, das er den Ukrainern mitbringen kann, sprich: mehr Waffen, mehr Geld.

Heute ergreift der Kanzler an anderer Stelle das Wort: Er spricht im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des feinen Übersee-Clubs. Wir dürfen annehmen, dass dieser Termin selbst bei einer nüchternen Natur wie Olaf Scholz Emotionen freisetzt: zurück an alter Wirkungsstätte, mit hanseatischer Herzlichkeit empfangen von seinem Nachfolger als Erster Bürgermeister, Peter Tschentscher.

Eine gewisse Pikanterie wohnt der Veranstaltung allerdings inne: Gegründet wurde der Übersee-Club anno 1922 vom Bankier Max M. Warburg – also einem Mitglied jener Dynastie, deren Geldhaus heute in Cum-Ex-Geschäfte verstrickt ist. Bei deren Aufarbeitung fallen immer wieder die Namen Scholz und Tschentscher. Während der Kanzler am Nachmittag zu einer Wahlkampfveranstaltung in Kiel entschwindet, muss sich Tschentscher in der Sache ab 14 Uhr dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft stellen. Da kann noch was kommen.

Serbien wackelt

Bei den europäischen Sanktionen gegen Russland gilt Aleksandar Vucic als Schlüsselfigur: Vorgestern war Serbiens allgewaltiger Staatschef in Berlin, gestern traf Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) den Putin-Versteher in Belgrad. Zwar führt Serbien seit 2014 Beitrittsverhandlungen mit der EU, bisher wollte es sich den EU-Sanktionen gegen Russland aber nicht anschließen. Allmählich schwindet im Westen die Geduld mit dem Wackelkandidaten. Heute will sich Vucic mit einer Botschaft an die Bevölkerung wenden. Es spricht einiges dafür, dass er sich in der Sanktionsfrage auf die richtige Seite bewegt. Die EU ist einfach zu verlockend.

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