Trittin: “Wir sind parteiisch, aber nicht Kriegsteilnehmer”

Dazu passend lieferte die Neurowissenschaftlerin Maren Urner die Erklärung für die Eindeutigkeits-Sehnsucht vieler Menschen: In Krisensituationen sehnten sich Körper und Gehirn “nach Eindeutigkeit, nach einfachen, nicht-komplexen Antworten wie ‚dafür oder dagegen‘”. In diese Falle sollte man aber nicht tappen.

Jürgen Trittin, der unverdruckst die eigene Fehleinschätzung Wladimir Putins einräumte, mochte da nicht widersprechen und erläuterte “den schmalen Grat” auf dem wir uns bewegten: “Wir sind parteiisch, aber nicht Kriegsteilnehmer.”

Das Bild der Gratwanderung nahm wiederum Julian Nida-Rümelin auf, um die Abgründe zu benennen, die seiner Meinung nach neben dem Grat lauern: auf der einen Seite ein “Diktatfrieden”, bei dem Putin nach Gutdünken in der Ukraine schalten und walten könne, auf der anderen Seite eine “Eskalation”, bei der die Nato zur Kriegspartei würde.

Kinnert lobt Habeck und Baerbock

Er habe den Eindruck, der Bundeskanzler wäge in dieser “Dilemma-Situation” sehr genau ab, und er sei “heilfroh” darüber, so der Philosoph, der den Offenen Brief in “Emma” gegen Waffenlieferungen unterzeichnet hat. Unterstützung bekam er von Diana Kinnert, die feststellte: “Jemand, der zögert, ist nicht automatisch einer, der nichts tut, sondern einer, der es sich vielleicht genau überlegt. Deswegen könnte das auch ein Akt sein, der Gehalt hat.”

Den Zweifel zu mögen und die Differenzierung zu leben sei etwas, worauf sie eigentlich stolz sei. Und auch wenn sie als CDU-Mitglied Robert Habeck und Annalena Baerbock politisch nicht nahestehe, merke sie, wie diese “Zweifel sichtbar machen” – das wecke Vertrauen, im Gegensatz zu “diesem alten Politikertypus, der wahnsinnig selbstherrlich ist und immer suggerieren muss, dass er schon alles weiß”.

Warum man sich nicht von Angst leiten lassen sollte

Ein eindrückliches Bild, warum man sich nicht von Angst leiten lassen solle, hatte dann noch Maren Urner parat: Wenn wir Angst hätten, seien wichtige Gehirnregionen blockiert und wir “zurückgeworfen auf unser Eidechsenhirn”. Es gebe dann im Grunde nur noch die Optionen “fight, flight oder freeze”, also Kampf, Flucht oder Erstarren in Hilflosigkeit.

Diesem Mechanismus in Zeiten von Klimakrise und Krieg entgegenzuwirken sei auch eine Verantwortung der Medien – gerade angesichts des Umstands, dass in einer internationalen Studie über 50 Prozent der jugendlichen Befragten angegeben hätten, die Menschheit habe keine Zukunft mehr. Urner: “Wir brauchen Bilder, die aufzeigen: Wir sollten was tun – aber nicht sagen: Es hat eh keinen Sinn mehr.”

Auch dafür erhielt sie Zustimmung: Es gelte “Handlungsräume zu erhalten”, forderte Jürgen Trittin, “aus der Apokalypse erwächst Lähmung”. Und Julian Nida-Rümelin äußerte die Hoffnung, dass “die Zeit der schlichten Botschaften erst mal vorbei” sein könnte. Diese Sendung jedenfalls war in ihrer unaufgeregten Konstruktivität schon mal ein guter Anfang.



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